Etappe: Einordnung – wie werden die Phasen zeitlich organisiert?
Wir kennen nun die sieben Phasen nach IEEE 12207. Doch das Phasenkonzept beantwortet noch nicht alle Fragen. Es sagt uns, welche Aktivitäten es gibt – aber nicht, in welcher Reihenfolge sie ablaufen, und vor allem nicht, ob man sie nur einmal oder mehrfach durchläuft.
Genau das beschreiben Vorgehensmodelle. Sie legen fest, wie ein Projekt die Phasen zeitlich organisiert.
Das älteste und bekannteste Vorgehensmodell ist das Wasserfallmodell. Es durchläuft die Phasen strikt nacheinander – wie Wasser, das eine Stufe nach der anderen hinabfließt und nicht mehr zurückfließt.
Anforderungen → Entwurf → Implementation → Überprüfung → Verifikation → Wartung
Jede Phase wird erst abgeschlossen, bevor die nächste beginnt. Für Chez Motchi würde das bedeuten: Erst wird die komplette Analyse abgeschlossen, dann der komplette Entwurf, dann erst die Umsetzung – ohne zwischendurch noch einmal zur Analyse zurückzukehren.
Stellt sich erst während der Umsetzung heraus, dass Motchi doch noch eine Funktion vergessen hat, ist eine Rückkehr zur Analysephase im reinen Wasserfallmodell nur mit hohem Aufwand möglich. Bei kleinen, sich wandelnden Projekten wie einem wachsenden Café ist das ein echtes Risiko.
Das V-Modell erweitert den Wasserfallgedanken um einen wichtigen Punkt: Zu jeder Entwicklungsphase gehört von Anfang an eine passende Testphase.
Anforderungsspezifikation ─────────────── Akzeptanztest
Systemspezifikation ─────── Systemtest
Architekturentwurf ─── Integrationstest
Komponentenentwurf ─ Komponententest
Implementierung
Für jede „linke“ Phase existiert also bereits eine geplante „rechte“ Testphase. Das erhöht die Qualitätssicherung, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Reihenfolge: Auch hier wird zunächst vollständig geplant, bevor getestet wird.
Anders arbeitet das Prototyping. Hier wird nicht sofort die vollständige Lösung gebaut, sondern zunächst ein einfacher, funktionsfähiger Prototyp.
Idee → Modell → Prototyp → Prüfen → Verbessern → Endprodukt
↑ │
└──── Rapid Prototyping ──┘
Für Chez Motchi könnte das bedeuten: Statt monatelang die komplette Software zu planen, bekommt Motchi zunächst eine einfache Version, in der er nur Reservierungen anlegen kann. Er probiert sie aus, gibt Rückmeldung, und die nächste Version wird entsprechend verbessert.
Das Spiralmodell verbindet die Grundidee des Wasserfallmodells mit wiederholten Durchläufen. Ein Projekt durchläuft die Phasen mehrfach, wobei jede Runde das System um neue Erkenntnisse erweitert. Nach jeder Runde erfolgt zusätzlich eine Risikoanalyse.
Dieses Modell eignet sich besonders für große, risikoreiche Projekte, bei denen Rückkopplungen ausdrücklich eingeplant werden.
Die modernste Antwort auf häufig wechselnde Anforderungen sind agile Vorgehensmodelle. Am bekanntesten ist Scrum. Hier wird die Arbeit in kurze, feste Zeitabschnitte unterteilt, sogenannte Sprints.
Product Backlog → Sprint Backlog → Sprint (mit Daily Scrum) → Product Increment
│
└── nächster Sprint ──┘
Am Ende jedes Sprints entsteht ein nutzbares Zwischenergebnis, das Rückmeldung ermöglicht – zum Beispiel eine erste Version der Reservierungsfunktion, die Motchi bereits ausprobieren kann, während parallel schon am nächsten Sprint gearbeitet wird.
Chez Motchi ist ein kleines, wachsendes Café. Seine Anforderungen sind zu Beginn nicht vollständig bekannt – vieles wird sich erst zeigen, sobald das Team die Software im echten Betrieb ausprobiert. Ein starres Wasserfallmodell würde hier schnell an seine Grenzen stoßen, da Änderungen nur schwer nachträglich eingebaut werden könnten.
Ein iteratives Vorgehen – etwa in Form von Prototyping oder agilen Sprints – passt deutlich besser: Motchi bekommt früh eine erste, einfache Version, gibt Rückmeldung, und das System wächst gemeinsam mit seinem Café.
| Modell | Grundidee | Passt zu Chez Motchi? |
|---|---|---|
| Wasserfall | Streng lineare Abfolge | Eher nicht – zu starr bei wachsenden Anforderungen |
| V-Modell | Linear, mit fest zugeordneten Tests | Eher nicht – gleiche Einschränkung wie Wasserfall |
| Prototyping | Frühe, einfache Version zum Ausprobieren | Gut geeignet |
| Spiralmodell | Wiederholte Durchläufe mit Risikoanalyse | Eher für große, risikoreiche Projekte |
| Scrum | Kurze Sprints mit regelmäßigem Feedback | Gut geeignet |
Für den weiteren Verlauf dieses Kurses begleiten wir Chez Motchi deshalb gedanklich in einem iterativen Vorgehen: Wir bauen unser Modell nicht auf einen Schlag vollständig, sondern erweitern es Kapitel für Kapitel – ganz ähnlich wie bei einem Prototyping- oder Scrum-Ansatz.
Jetzt, wo klar ist, wie Phasen organisiert werden können, steigen wir tiefer in die erste konkrete Phase ein: die Ist-Analyse bei Chez Motchi. Wir schauen uns an, wie man ein reales Café systematisch untersucht, bevor man auch nur ein einziges Objekt modelliert.